Wednesday, 08 February 2012
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PolnischesTrampelchen vom 4. Stock
Ich sitze an meinem Schreibtisch, mein Chef, der Anwalt ist auf Reisen, daher hab ich Zeit und Musse und beobachte das rege Treiben auf der Bahnhofstrasse unter meinem Fenster.

Ich sehe, wie die Bänkler und Banking Tussies wie kleine Ameisen umherschwirren - von A nach B und - eigentlich haben wir es hier am mondänen Bankenplatz recht gut. Ueberall wird an Personal gespart, Mitarbeiter übernehmen Doppelfunktionen oder werden en gros entlassen. Aber bei uns wird aufgestockt. Wir stellen ein.

Anfangs Februar sind folgende Neuzugänge auf unserem Stockwerk zu verbuchen: 2 schnuckelige Praktikanten aus Schweden (immer sehr gross, sehr blond und sehr blaue Augen, leider ein wenig zu jung.... frisch ab Uni), dann 3 neue Assistentinnen und 3 Jungs aus London aus dem mittleren Management. Meine 10-jährige Praxis hat mich gelehrt, dass der erste Eindruck immer das Wesen des neuen Mitarbeiters preisgibt - auch wenn er oder sie es zu vertuschen oder überspielen versucht. Die Art, wie der neue Mitarbeiter den Gang entlang schreitet mit seinem direkten Vorgesetzten oder mit einem Mitarbeiter der Personalabteilung, sagt schon einiges aus - Stechschritt, schlurfend oder lässig entspannt - wie er oder sie bei der Vorstellung dem Gegenüber in die Augen schaut, falls er oder sie es tut, der Händedruck und wenn es zu einer kleinen Konversation kommt - wo man vorher gearbeitet hat und wieviel man davon preisgibt - positiv oder negativ.

Ich enthalte mich jetzt und äussere mich nicht über alle Neuzugänge - aber ich kann es mir nicht verkneifen über die neue Mitarbeiterin, die gleich neben mir ihr Büro bezogen hat ein wenig zu "lästern", ganz anonym versteht sich. Agnieszka ist ihr Name. Sie fiel mir gleich auf, als sie vom Personalchef rumgeführt und vorgestellt wurde. Sie ist gross mit kinnlangem gelockten blonden Haar und recht hübschen runden Gesicht. Der Oberkörper ein wenig zu kurz und sehr schmal, ab der Taille (nicht existent) recht korpulent und dementsprechend hebt sie die Beine nicht beim Gehen, sondern schlurft. Dabei wiegt sie die Hüften nicht (das wäre ja sexy), sondern bewegt die Arme wie ein Förster in der Ukraine bei der Fortbewegung im Wald. Der Gesichtsausdruck ist milde gesagt, nicht sehr motiviert und sie spricht mit "sääähr braitem Aakzähnt" - sie kommt aus Warschau und hat dort in einer Filiale gearbeitet. Ich dachte, ich geh ihr ein wenig zur Hand, da ausser mir und nicht viele Assistentinnen sitzen, also streckte ich 2-3 Mal an diesem ersten Arbeitstag meinen Kopf in ihr Büro und fragte sie, ob ich ihr helfen kann. Sie winkte ab, sie müsse sich zuerst selber eine Uebersicht verschaffen. Uebersicht? Sie hatte keine Akten auf dem Tisch und ihr e-mail account war noch nicht eingerichtet. Das gleiche 1 - 2 Wochen später - jetzt aber mit viel Akten auf dem Tisch, aber sie ist immer noch am "Ueberblick gewinnen" und wenn ich frage, wie es geht, dann rollt sie die Augen und seufzt tief. Als ich mir gestern einen Kaffee im Gang holte, hörte ich wie Agnieszka aus Warschau sehr langsam artikulierend ihren Chef fragte, ob er ihr das nochmals erklären könnte. Er tat es und sie entgegnete dann:"OK - ich wärde versuuchen". Ihr Chef darauf:"Agnieszka, nein, nicht nur versuchen, bitte fertigmachen". Sie seufzte tief und machte sich langsam schlurfend auf den Weg in ihr Büro. Als ich um 19.00 Uhr das Büro verliess sass sie mit gebeugtem Rücken am Schreibtisch und starte in den Bildschirm. "Kann ich Dir helfen?", fragte ich. "Nein, äs ist ainfach zu viel Arrbait, ich muss zuerst Ueberblick gewinnen".

Heute - nach bald einem Monat - wagte ich nochmals einen Anlauf - irgendwie tat sie mir jetzt leid. Auf die Frage, ob alles ok sei, ob sie generelle oder spezifische Fragen hätte, entgegnete sie, dass alles noch so neu und unbekannt sei (ich dachte sie hat für unsere Bank in Polen gearbeitet). Da ihr Chef eine komplett neue Abteilung aufbaut, und ich Interesse für mehr Details bekundete, fragte ich sie, um was es genau bei diesen Projekten geht.
"Ich wais niiiicht genau. Ich habe ärst angefangen und kann noch nicht sagen. Wir sind neue Abteilung - alles ganz ganz neu, verstehst?".

Das kann ja gut werden.

Samantha - aus dem Logbuch einer Assistentin.








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