Wednesday, 08 February 2012
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Foto - Retrospektive 1
Es ist Sonntag, der 10. Februar. Ich lümmle den ganzen Tag faul vor dem Cheminée rum, im Pijama mit Halstuch, Tee, Zwieback und Birchermüesli. Ich male ein wenig lustlos auf meiner Staffelei - ein Sonntag, an dem die Sonne scheint, dennoch ist mir nicht nach Spazieren, nach Telefonieren, nach Kommunizieren.

Ich hab endlich diese alte Karton-Kiste aus dem Dachstock geholt, die ich schon seit Jahren habe, d.h. immer wenn ich umziehe, kommt sie mit. Dabei sind die Photos drin nicht von mir gemacht, oder zumindest kann ich mich nicht mehr daran erinnern, nicht mal von mir geschossen, es sind Photos aus meiner Kindheit, Photos aus den späten 70-ern, den 80-ern und den 90-ern, mit verschiedenen Photoapparatena aufgenommen. Keine Ahnung warum die Kiste immer noch bei mir ist, sie sollte logischerweise im Keller meiner Eltern sein. Verstaubt und angejahrt steht die Kiste jetzt vor mir. Auf dem Boden. Vor dem Cheminée und ich sitze im Schneidersitz davor und lass meine Hand durch die Photos gleiten.

Ich werd mich jetzt wohl oder übel damit auseinander setzten müssen, jemand muss die Photos ordnen, den Jahren und Geschehnissen zuordnen.

Heute ist ein guter Tag damit anzufangen.

Ich nehme einen Stoss raus - die Kiste hat gut 1,5 Meter Durchmesser. Einige Photos sind prall zusammengepresst in den Original Umschlägen der damaligen Photo-Geschäften inklusive Negative. Andere Umschläge verraten die Orte der damaligen Feriendestinationen im In- und Ausland, die Hälfte der Photos jedoch sind bunt gemischt.

Der 1. Stoss enthält Bilder Mitte der 70-er Jahre, Mama 20 und Papa 25 zu Beginn ihrer Romanze. Die Photos versetzen mich in eine Zeit, in der ich noch gar nicht geboren war. Eine Zeit, in der weder ich noch meine Brüder geplant waren. Mama, mit theatralisch geschminkten dunklen Augen, das rote Haar mit einem Kopftuch nach hinten gebunden, sitzt auf dem Schoss von Papa - in einer Fotokabine. Papa sieht aus wie ein Algerier auf der Durchfahrt, mit seinem schwarzen gelockten Haar, seinem Papagallo-Lächeln, himmelt Mama an. Sie jedoch halb zur Wand neben ihm, halb kokettiert sie mit der Kamera. Papa war immer mehr in Mama verliebt als umgekehrt, das war uns Kindern immer klar. Dann ein Bild mit Mama, hochschwanger (mit mir), ihre Hände auf ihrem Bauch erinnern mich an meine, Papa hat den Arm um sie gelegt. Sie sitzen in einem Restaurant in Paris, umringt von meinen Grosseltern, meinem Onkel, meiner verstorbenen Tante (warum ist sie so jung gestorben), mein Papa sehr verliebt, Mama hält den Kopf leicht schräg und sinniert. Grossmama lächelt zu ihnen rüber (das wird sie später nicht mehr tun, mit Papa als Mama's Wahl war sie nicht zufrieden).

Ich werde Wochen und Monate brauchen, um die Bilder den Jahren und Monaten zuzuordenen. Morgen kauf ich grosse Briefumschläge, die schreib' ich dann mit Jahreszahlen und Jahreszeiten an und dann strukturiere ich das ganze Mal. Und dann müssen Familienalben her. Ich hab' da ein paar schwarze, matte Viereckige gesehen, von der schwedischen Design-Linie ORDNING REDA oder so ähnlich, im Jelmoli. Da geh ich morgen in der Mittagspause vorbei.

Samantha - aus dem Logbuch einer Assistentin.



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