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Wir haben immer noch den 25. Januar und sieht ganz so aus, als hätte ich viel zu viel Zeit fürs Bloggen.
Ich sitze in meinem Büro - meinem neuen, welches, wie schon gesagt an Reiz verloren hat. Ich trauere meinem Erkerchen im oberen Stock mit Blick auf die Bahnhofstrasse nach. Wenn ich früh ins Büro kam, konnte ich sehen, wie die Frühaufsteher zur Arbeit schreiten, mit Stechschritt. Die Ladenbesitzer, die schon mal das Licht angeknipst haben, aber noch nicht arbeitsbereit sind, und im Hintergrund - man sieht nur die Schatten - noch Schachteln auspacken und verstauen. Die Lieferwagen von DHL & Co und die Velokuriere. Und dann der Wechsel um die Mittagspause - eine ganz andere Clientèle und dann am Nachmittag, wenn die Banker und Bankerinnen arbeiten - dann diese, die eben nicht arbeiten, sondern einkaufen. Und am Abend kurz vor dem Feierabend - die Hektischen, die Genervten, die noch alles vor Ladenschluss auf die Reihe kriegen wollen.
Aber eigentlich mühe ich mich heute ja mit Spesenabrechnungen meines Teams, dem vergrösserten Kreis des Teams, alles Traders, ab. Es ist schon erstaunlich, was eine Spesenabrechnung so über den Reisenden aussagt. Eine Spesenabrechnung ist ein Psychogramm. Es zeigt alles, schonungslos und verräterisch.
Ich habe 5 Spesenabrechnungen über den gleichen Zeitraum vor mir liegen. Zuerst sortiere ich die Flüge, Hotels, Restaurant- und Barbelege, dann die Taxi und Limousinen-Zettel und am Schluss die Zugbillete. Immer interessant, wer 1. Klasse fliegt, mit dem Zug fährt oder wer Taxis nimmt oder sich einfach eine Limousine bestellt. Dann die Restaurants: es gibt welche, die holen sich ein kleines Sandwich an der Ecke, andere gehen ins teuerste Restaurant der Stadt und plündern mit dem Sommelier den Weinkeller. Die Spezialisten schaffen es tatsächlich innerhalb eines Tagestrips (einer Investor Relation Roadshow) 10 Essens-Belege einzureichen: 1. Kaffee und leckere Keckse bei Sprüngli, 2. Wieder Kaffee und Gipfeli zum Znüni, 3. kleine Stärkung kurz vor dem Mittagessen während der Sitzung in einerm Strassencafé, 4. Mittagessen - sehr feudal mit 5 Sternen, 5. Dessert bei einer Gelateria um die Ecke, 6. Kleiner Snack in der Kantine, Lullu hat den Wisch unterschrieben, 7. Kaffee-Pause diesmal wieder ausserhalb der Bank bei Sprüngli, 8. Törtchen zum Tee bei der Sitzung mit den Auditors, 9. Abendessen mit Kunden in der trendigsten Lounge der Stadt und 10. ein Absackerl in der hippsten Bar im Niederdorf mit Dessert und Digestif.
Dann gibt es die Knausrigen, die Ambitionierten, mit zusammengekniffenen Lippen, die sich keine Fehler leisten wollen und alles so haargenau abrechnen, dass die armen Taxifahrer auf Rappen und Franken abrechnungen müssen und knurrend auf ein Trinkgeld verzichten. Da werden dann nur der Flug und das Hotel und ev. ein Taxi verrechnet. Alles weitere soll der Herr Kollega dann auf seine Spesenabrechnung nehmen.
Am liebsten habe ich meinen "ganz speziellen" Freund, Giovanni. Er ist italienischer Abstammung - hört man ja - nur etwa 1.50 gross, eher breit als gross, mit blitzgescheiten Augen und einer breiten negroiden Nase, Lockenköpfli und wenn er geht, dann so breitbeinig, wie wenn er im Dschungel als Tarzan seine Jane vor den wilden Tieren beschützen müsste. Er ist immer sehr charming: "Samantha, eh - come va oggi? Tutto va bene? Ike habe widr Späsenabreggnung gemaggt - kone sie magge eute viligte?" Und dabei blinzelt er mich gütig an. Natürlich mache ich eher seine Spesenabrechnung als die meines arroganten Chefs, dem Knausrigen.
Und dann muss ich doch wieder schmunzeln und mich wundern. Die Spesenabrechnung von Giovanni führt einem im Geiste durch alle kulinarischen Verführungen: Innerhalb von 2 Tagen hat er in New York alles besucht, was Bocuse in seinen Bestseller Listen vermerkt: von den Chocolatiers, über die Patissiers, die Bäcker, die französischen Sterneköche, die Luxus Caterers, die neuen italienischen Trattorias. Er hat nix ausgelassen und ich frage mich ernsthaft, warum ich ihm nicht mal Protokoll tippend auf eine seiner Reise folgen sollte.
Samantha - aus dem Logbuch einer Assistentin.
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