Wednesday, 08 February 2012
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PolnischesTrampelchen vom 4. Stock, Part 2
Written by samantha
Ich spiele heute wieder Psychologin, Krankenschwester und Kindergärtnerin - und alles in Personalunion hier in der Bank an der Bahnhofstrasse.

In der Regel nehme ich diese Funktionen bei meinem Chef, dem Anwalt wahr und abwechselnd bei seinen direct reports. Die Dienstleistungspalette geht über das rein administrative und organisatorische hinaus: psychologische Betreuung und Coaching in Problemfällen, geschäftlich oder privat, Verarztung bei körperlichen Gebrechen wie aufgeschürftes Knie (Squash, Tennis), Rheuma (Golf) und Kopfweh (Hang-Over) und Schiedsrichter spielen bei Zankereien und Mobbying.

Mein liebstes zu betreuendes "Opfer" ist ganz klar Agnieszka, die neue polnische Assistentin vom 4. Stock. Vielleicht erinnert sich die geneigte Leserin, sie fing hier anfangs Februar an zu arbeiten und man sieht sie rumschwadronieren in Zeitlupe mit ihrer etwas fülligen Figur unterhalb der Gürtellinie und ihrem Watschelgang einer Ente. Mit stark gefärbtem polnischen Akzent moniert sie über die täglich Hektik und das administrative Chaos.

Bis dato konnte sie mir nich recht sagen, was eigentlich die Funktion ihres Chefs ist und ob er noch Mitarbeiter bekommt, oder ob die 2 da alleine fuhrwerken. Heute nahm ich in der Kaffeepause wieder Kontakt zu Agnieszka auf. Sie stand schwer atmend an der Kaffeebar, den Oberkörper schräg seitlich auf die Theke gebeugt, ein Arm in die Hüfte gestemmt und verdrehte die Augen und murmelte etwas von "increeedibel - increeeeedibel". Ich hatte mich erst grad zu ihr gesellt, da kam gleich ein Schwall von unglaublichen Geschichten - sie erzählte sie mir ohne Pause und ohne ein- oder auszuatmen und ich hing an ihren Lippen und lauschte den Stories als handeln sie vom kalten Krieg im ehemaligen kommunistischen Regime im Osten.

Der Inhalt war jedoch eher nebensächlich. Einzig die Art und Weise, wie sie atemlos mit rollenden Augen und ausladenden Hand und Armbewegungen die Begebenheiten schilderte, waren die Aufmerksamkeit schon wert.

Sie erzählte vom unglaublichen Arbeitsanfall in der neuen Abteilung (dabei ist ihr Chef doch ständig auf Reisen), dem vielen Papier, das ihr intern immer zugeschickt wird und welches sie auch noch zu begutachten und zu behandeln hat und den vielen Telefonanrufen, die sie für ihren Chef entgegen nehmen muss. Und dann die Anrufer, die es immer pressant haben, die immer gleich eine Anwort wollen und die alle einen Termin bei ihrem Chef wollen. Agnieszka macht eine Pause, fixiert mich mit stechendem Blick und meint, dann lächelt sie milde und wissend und meint, dass sie jetzt ein Patentrezept hat, um sich hin und wieder eine Pause zu gönnen: Sie zieht einfach den Stecker aus dem Stromnetz, schliesst die Türe mit dem Schlüssel, öffnet eine der oberen Schubladen ihres Pultes, legt ihre Füsse rein und lehnt sich im Stuhl zurück zu einem Nickerchen.

Wieso komm ich nicht auf eine solch gloriose Idee?

Samantha - aus dem Logbuch einer Assistentin.
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