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Wir schreiben den 6. März und ich bin im Taxi vom Bahnhof Bern zu einer dieser schönen Botschaften, wo ich - wie so oft in den letzten Monaten und Jahren, persönlich vorsprechen musste, um ein Visum für meinen Chef zu "ergattern".
Ich habe mir vorsorglich den ganzen Tag frei genommen, denn auch wenn das Embassy um 11.00 Uhr aufmacht, geht es locker bis 1.00 Uhr bis ich dran komme, dann machen die Mittagspause (und ich auch) und am Nachmittag gegen 14,00 Uhr bemühen die sich dann um das Visum und die Formalitäten und wenn ich Glück habe, bin ich dann um 16.00 Uhr fertig. Gerade rechtzeitig um dann im Casino in Bern Kaffee und Kuchen zu geniessen und vielleicht anschliessend ein Kleintheater in den Lauben zu beglücken.
Ich sitze also im Taxi und gehe meiner Lieblingsbeschäftigung nach : Konversation mit dem Taxifahrer. Heute ein männliches Exempar, 65 Jahre alt, einem 80-Jahre Film von Milan Kunder entsprungen "die unerträgliche Leichtigkeit des Seins" - übrigens wunderschöner Stoff, verfilmt mit super-charming Daniel Day-Lewis und der unverwüstlichen, damals noch jungen Juliette Binoche in den Hauptrollen.
Der Taxifahrer kommt in der Tat aus Prag und fährt schon 34 Jahre Taxi in Zürich. Nach dem Prager Frühling hat es ihn nach Basel in die damalige Ciba Geigy verschlagen und dort hat er als Fahrer gearbeitet. In Basel war alles kleiner und süsser und gemütlicher, beklagt er sich, aber die Löhne sind einfach besser hier in Zürich.
Schade, nur, dass der Zürcher kein geselliger Schweizer ist, seit 34 Jahren lebt er nun schon in diesem Wohnblock und hat - obwohl er sich Mühe gibt und immer wieder an die Türen seiner neuen Nachbarn klopft - keinen Kontakt. Jeder will anonym bleiben, keiner will sich exponieren. Letzte Woche hat sich wieder ein tragischer Fall ereignet, wie schon mehrere Male in den den letzten 34 Jahren: Eine ältere Dame im gleichen Stockwerk wurde seit Tagen nicht mehr gesehen von meinem Taxifahrer. Er spricht mit anderen Nachbarn, die sich nicht interessieren und behaupten, die alte Dame sehe man doch regelmässig durch die Gänge huschen. Der Taxifahrer ruft die Polizei, diese öffnet die Wohnungstür der alten Dame mit Gewalt. Sie ist schon seit Tagen tot. Es hat niemanden interessiert.
Der Taxifahrer scheint desillusioniert. In Prag wäre das nicht passiert. In der damaligen Tschechoslowakai gab es noch ein "Miteinander".
Wir sind angekommen. Die Botschaft ist schon recht bevölkert. Die Antragsteller stehen Schlange. Ich zahle das Taxi und geh zum Eingang.
Samantha aus dem Logbuch einer Assistentin
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